Die energie-autarke Gemeinde Güssing in Österreich

Die Problematik der Realisierung von sogenannten energie-autarken Gemeinden, Städten, Regionen etc. werden anhand der sog. „energie-autarken“ Gemeinde Güssing (Österreich) beschrieben.

Vorbemerkung

Energieautarker Odenwald – Vision oder Wirklichkeit ?

Unter diesem Titel fand am 2.11.2010 in Beerfelden (Deutschland, Odenwald) ein Informations- und Diskussions-Abend statt. Veranstalter waren der Odenwaldkreis, die Odenwald-Akademie, die TU Darmstadt und Europe-direkt.

Im Mittelpunkt stand der Vortrag eines Mitarbeiters des „Europäisches Zentrum für erneuerbare Energien (EEE)“ in Güssing (Österreich). Die Gemeinde Güssing wird als herausragendes Beispiel für die Möglichkeiten der autarken Energieversorgung von Gemeinden genannt. Aus dem Vortrag, Internet-Informationen und Nachfragen bei EEE hat sich ergeben:

Güssing

ist eine Gemeinde mit etwa 4.000 Einwohnern; sie liegt (Zitat) in einer armen Region in Österreich (Burgenland), nahe der ungarischen Grenze. Etwa 70 % der Erwerbstätigen sind Pendler, meist nach Wien und Graz.Der Gemeinderat initiierte 1990 ein Programm, mit dem Ziel, die Wirtschaftskraft der Gemeinde zu verbessern. Die Schaffung einer möglichst eigenständige Energieversorgung bot sich dazu an. Aufgrund der wirtschaftlich desolaten Lage konnten mit einem überzeugenden Programm erhebliche Geldmittel aus der EU (Österreich ist seit 1996 Mitglied der EU), vom österreichischem Staat und dem Burgenland in Anspruch genommen werden – Investitionsvolumen etwa 20 Mio. € für ein Heizwerk und ein Biomasse-Kraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK).Es begann mit dem Bau des Heizwerkes, Inbetriebnahme 1996, welches den Wärmebedarf weiter Teile der Gemeinde mit einer Fernwärmeversorgung gewährleisten sollte. Gleichermaßen sollte der gewerbliche und ggf. industrielle Wärmebedarf gedeckt werden. Dies vorerst mit einer eindeutigen ökonomischen Zielsetzung. Die betroffene Bevölkerung konnte von einer langfristig kostengünstigen Wärmeversorgung (Preis nicht höher als der Ölpreis, Unabhängigkeit von Weltmarktpreisen), verbunden mit dem Argument keinen Komfortverlust zu erleiden (Versorgungs-Sicherheit), von dieser Technik überzeugt werden. Immerhin betrugen die Anschlusskosten etwa 7.000 € pro Haus. Derzeit können u. a. mit einem weiteren Heizwerk insgesamt etwa 17 MW Wärmeleistung bereitgestellt werden.Als Brennstoffe werden wesentlich Waldholz aus der Umgebung (40 km), Holzreste aus einer Parkett-Fabrik (Neuansiedlung, mit erheblichem Wärmebedarf) und sonstige Reststoffe und Müll genutzt. Das Waldholz wird durch viele Waldbauern, die sich in Genossenschaften zusammen geschlossen haben, geliefert. Diese Zusammenschlüsse beruhen auch auf einer Vielzahl von sehr kleinen Wald-Parzellen in der Folge von Grundstücks-Teilungen durch Vererbungen. Der Holzbedarf beträgt etwa 44.000 Tonnen – Wert etwa 1,5 Mio. € pro Jahr. Als Wärmepreis wurde derzeit 7 bis 8 Ct. pro kWh genannt.

Ein Biomasse-Kraftwerk (Inbetriebnahme 2001, Gasmotor mit KWK, elektr. Leistung 2 MW, Wärmeleistung 4,5 MW) verarbeitet ausschließlich Holzhackschnitzel. Es wird ein spezielles Holz-Vergasungsverfahren genutzt. Gegenstand eines Forschungsprogrammes ist, beste Wege zu finden, dieses Holzgas in künstliches Erdgas umzuformen und auch zu verflüssigen und somit Treibstoffe zu gewinnen. Aus einer Tonne Biomasse entstehen etwa 420 kWh Wärme und 180 Normkubikmeter Biogas.

Ein weiteres Biomasse-Dampfkraftwerk (1,7 MW elektr. Leistung) verarbeitet Schleifstaub und Sägemehl aus der Parkett-Fabrik.

Seit November 2010 wird in einer neuen Biogas-KWK-Anlage Maissilage und Hühnermist zu Biogas vergoren – elektr. Leistung 500 kW. Die Abwärme (550 kW) wird im Betrieb selbst genutzt.

In der Gemeinde hat sich mittlerweile auch eine Photovoltaik-Zellen/Wafer- Fabrik mit etwa 150 Beschäftigten angesiedelt.

Der in den Kraftwerken erzeugte Strom wird generell an den zuständigen Stromnetz-Betreiber zu 16 Ct. pro Kilowattstunde verkauft. Hier bestehen offenbar vergleichbare Regelungen wie in Deutschland durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Der Energieverbrauch der Gemeinde betrug 2008 etwa 40 Mio. kWh Strom, 73 Mio. kWh Wärme und 47 Mio. kWh Treibstoff. Mit den Kraftwerken wird ein Deckungsgrad für Strom und Wärme von grob 70 % erreicht.

Der Vortragende berichtete über Kritiken zum Anlagenbetrieb und der Holzverarbeitung (Lärm, Luftemissionen, Abwasserbelastung). Es kann sicherlich unterstellt werden, dass Grenzwerte einschlägiger nationaler und EU-Regelungen beachtet werden. Ansonsten müssten Betriebsverbote erwartet werden.

Anlagen zur Nutzung der Windenergie wurden wegen zu geringer Ergiebigkeit nicht errichtet. Zur gesamten Leistung von Photovoltaik-Anlagen in der Gemeinde konnten keine Angaben gemacht werden (Schätzung 60 kW).

Wertung 1

Die Gemeinde Güssing hat mit diesen Aktivitäten ohne jeden Zweifel eine anerkennenswerte Initiative für das eigene Fortbestehen und das Wohl der Bürger ergriffen. Sie hat die Gunst der Stunde, nämlich das „Glück des Ersten und Tüchtigen“, genutzt. Es ist fraglich, ob diese Gegebenheiten in anderen, auch deutschen Gemeinden ebenso vorhanden sind bzw. sich in dieser Art wiederholen lassen.

Diskussion

Der Moderator der Veranstaltung, Prof. Wörner (ehem. Präsident der TU Darmstadt, nun Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt), begann die Aussprache mit der Hinterfragung der realen Energie-Autarkie der Gemeinde. Der Vortragende äußerte, dass im strengen Wortsinn „Autarkie“, also eine völlige Selbstständigkeit der Gemeinde, nicht gegeben sei. Die Stromversorgung sei auf eine Kopplung mit dem Hochspannungsnetz angewiesen. Das habe technische als auch wirtschaftliche Gründe (Einspeisevergütung für den in das Hochspannungsnetz gelieferten Strom). Die Wärmeversorgung sei allerdings originäre und vollständige Aufgabe der Gemeinde, welche erfüllt werde. Eine ständige „Rund-um-die-Uhr“ Überwachung des Wärmebereiches sei vorhanden (Kundenservice, notwendige permanente Abstimmung der Anlagen zur Wärmeerzeugung untereinander).

Informationen zur „Autarkie“

Von besonderem Interesse ist die elektrische Kopplung der Anlagen mit dem Strom-Netz. Es wurde auf Nachfragen mitgeteilt, dass keine der Anlagen ohne Netzkopplung in Betrieb genommen werden kann. Die Anlagen sind auch nicht inselbetriebsfähig, d. h. wenn eine Trennung vom Hochspannungsnetz erfolgt, können die Anlagen auch keine Gemeinde-Teilbereiche mit Strom versorgen. Der sog. elektrische Eigenbedarf der Anlagen wird aus dem Hochspannungsnetz entnommen. Falls die Anlagen nicht in Betrieb sind, erfolgt die Deckung des Strombedarfs der Gemeinde über das Hochspannungsnetz vom übergeordneten zuständigen Strom-Versorgungsunternehmen.Ein Bericht (Internet) über „Energieautarken Bezirk Güssing“ beschreibt weitergehende Maßnahmen und Möglichkeiten, eben auch den Bezirk mit regenerativen Energien zu versorgen. Darüber hinaus sind größere Biomasse-Kraftwerke in weiteren umliegenden Bezirken in Betrieb genommen worden. Der Holzbedarf ist dadurch stark gestiegen, sodass mittlerweile auch Holz-Lieferungen aus Ungarn und der Ukraine erfolgen. Diese Situation wirkt sich auch auf die Holzbedarfsdeckung der Anlagen in der Gemeinde Güssing aus.

Informationen zur „Kraft-Wärme-Kopplung – KWK“

Die Sinnhaftigkeit der Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) steht allgemein nicht in Frage. Pauschale politische Zielsetzungen (z. B. das 25 % Ziel, 2020 in Deutschland zu erreichen) sind allerdings dann realitätsfern, wenn einerseits kein örtlicher hoher Wärmebedarf besteht und andererseits durch vernünftige Maßnahmen zur Wärme-Isolierung von Gebäuden genau der Wärmebedarf/Wärmemarkt entscheidend verringert/beschnitten wird. Die Fernwärmeversorgung ist jedenfalls kein Problem der Wärmebereitstellung – aus jedem Wärmekraftwerk kann im hohem Maße Wärme ausgekoppelt werden – sondern ein Problem des Wärmetransportes über Rohrleitungen. Diese Thematik war u. a. Diskussionsthema der genannten Veranstaltung.Im Bericht über den „Energieautarken Bezirk Güssing“ werden aufschlussreiche Daten zur KWK genannt. Der elektrische Wirkungsgrad für Biogasanlagen betrage etwa 33 %. Weiterhin seien etwa 37 % Nutzwärme verwendbar. Wenn nur eine Wärmeversorgung von Haushalten möglich sei (Heizwärme, Warmwasserversorgung), würde nur eine zusätzliche Nutzung der Primärenergie von 12 bis 13 % eintreten. Das entspräche nachvollziehbar nur der Nutzung von etwa 1/3 der nutzbaren Wärme derartiger Anlagen.

Wertung 2

Die vorgenannten Tatsachen belegen, dass von einer autarken Energie-Versorgung der Gemeinde Güssing nicht ausgegangen werden kann. Autarkie bedeutet eindeutig die „Unabhängigkeit“ der genannten Versorgungen von anderen Systemen. Systeme sind hierbei wesentlich das übergeordnete Hochspannungsnetz und die Brennstoffversorgung, außerdem wäre anderen Ortes die Ferngas-Versorgung zu nennen.

Siehe auch

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

2 responses to “Die energie-autarke Gemeinde Güssing in Österreich”

  1. Wolfgang Flamme says :

    Glückwunsch zum gelungenen Artikel, Herr Wagner!

    Was aber noch bzgl. der ‚Energieautarkie‘ Erwähnung finden sollte ist der größere Bogen, den es zu schlagen gilt: Energieautarkie auf Basis regenerativer Energien ist überhaupt erst dann gegeben, wenn auch der Energieeinsatz für alle Bau- und Instandhaltungsmaßnahmen, Infrastrukturen, Anschaffungen der Privathaushalte wie Einrichtungsgegenstände, Fahrzeuge und Treibstoffbedarf usw. aus regenerativen Quellen gedeckt wird.
    Konsequent müßte man vergleichbare Nachhaltigkeits-Maßstäbe nicht nur für den Konsum, sondern auch für den Produktivsektor ansetzen – also auch dort, wo die Einwohner ihre Arbeit finden und ihr Auskommen erwirtschaften.
    Um’s mal plakativ auszudrücken: Man kann nicht an einem kohlebefeuerten Arbeitsplatz sitzen, sich dabei billig die Taschen füllen und sich dann zuhause vorm Kamin niederlassen und seinen nachhaltigen Lebensstil feiern. Das ist Selbstbetrug oder Heuchelei.

  2. Lebeau says :

    Hallo Herr Wagner,

    Ihrem Artikel kann ich nur zustimmen. Leider wird den Menschen immer wieder glaubhaft gemacht, eine Gemeinde könne enregieautark werden. Als in meiner Geburtsstadt, in der ich um 2000 einige Reihenhäuser errichtet hatte, eine holzbefeuerte Fernwärmeversorgung angeboten wurde, bekam ich nach mehreren Anfragen eine Absage, eines der Häuser daran anzuschließen, obwohl die Fernwärmeleitung in der Straße verlief. Der Grund war, dass der Anschluss wegen des geringen Energiebedarfs – die Häuser hatte ich gut isoliert – für das Fernwärmeunternehmen unwirtschaftlich war.

    Gruß aus dem MKK

    Helmut Lebeau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: