Zurück zum rhenus fluvius?

Ist es wünschenswert, einen Rhein in der Gestalt von vor 2000 Jahren wieder zu schaffen?

Die voran gestellte Frage soll provozierend verstanden werden. Im Sinne: Ist es grundsätzlich wünschenswert, einen Rhein in der Gestalt von vor 2000 Jahren wieder zu schaffen? Und, ist es überhaupt machbar, dies bei den enormen Nutzungsansprüchen der Anrainer anzustreben?

Unsere derzeitige, im Überfluss lebenden Generation neigt dazu, ultimativ Uraltstrukturen kritiklos für „gut“ zu empfinden und auch diese wieder erreichen zu wollen. Es wird nicht gefragt, von welcher Substanz, von welchen volkswirtschaftlich produzierten Gütern – originäres Bruttoinlandsprodukt – und Dienstleistungen man lebt. Es wird einfach Dieses und Jenes, eigentlich „Alles“ gefordert.
Im konkreten Fall ist es der Rhein, der gefälligst wieder in einen Naturzustand zurückversetzt werden soll. Alles zu wollen, heißt aber letztlich nichts oder nur punktuell etwas erreichen zu können.
Kein vernünftig handelnder und auch seiner Grenzen bezüglich seiner Lebensweise und seiner Anspruchshaltung bewusster Bürger wird sein grundsätzliches und verständliches Anliegen zur generellen Renaturierung von Gewässern mit ultimativen Dogmen vertreten. Es sind hunderte kleine Schritte, eingebunden in eine generelle Strategie, die eine Zielerreichung verlässlich erscheinen lassen.
Welche Schritte bzw. Schrittchen sind möglich bei Realisierungszeitspannen, die in Jahrzehnten zu messen sind?

Besiedlungsdruck und Hochwasser

Der Flächenbedarf durch die Besiedlung und die Landwirtschaft hat in Jahrhunderten auch den Rhein in seinem natürlich gegebenen Entfaltungswillen schwerwiegend beeinträchtigt. Es besteht eine teuflische Verkettung zwischen dem verständlichen Schutz vor Hochwässern, dem dann notwendigen Deichbau, der Folge der Flusseinengung, der Beschleunigung des Wasserabflusses, ggf. der Flusssohlen-Eintiefung und dann dem doch nicht Gewappnetsein vor extremen Hochwässern bzw. einer möglichen von den Oberliegern produzierten Hochwassersituation für die flussabwärts gelegenen Gebiete.

Wenn man dem Rhein wieder mehr Raum geben will, muss man handfest auch in den Privatbesitz von Anliegerflächen eingreifen. Die den Rhein einengenden Städtebebauungen müssten beseitigt werden. Kann man das? Wer kann das durchsetzen?
Nur kleine Schritte (Polderbau) werden zukünftige Hochwassergefahren mäßigen. Es muss auch nachgefragt werden, ob das Einfluss- und Ausfluss-Management für Nebenflächen des Rheins im Ernstfall funktioniert. Dazu bestehen Zweifel. Was die Hochwasser-Situation angeht, muss man sarkastisch feststellen: Es ist immer wieder von Hochwasser-Katastrophen zu hören in Saarbrücken, Trier, Koblenz, Bonn und Köln, eigenartigerweise nie von Düsseldorf. Der Grund liegt wohl besonders darin, dass in Düsseldorf Hochwässer über den Golfplatz abgeführt werden, dagegen werden in Köln die Hochwässer durch die Altstadt-Kneipen gelenkt. Wer ist an diesen Gegebenheiten schuldig? Doch wohl die Stadtplanung. Jahrzehntelange Nicht-Hochwassersituationen sind vielfach Ursache für das Verdrängen eines Gefährdungsgefühls. Man baut fröhlich in die möglichen Überschwemmungsbereiche.

Schifffahrt

Seit urdenklichen Zeiten werden Flüsse für den Transport jedweder Güter, vor allem auch sog. Massengüter, genutzt. Der Transportaufwand ist im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln, wie Bahn und Straße, bedeutsam geringer und wird mit steigender Schiffsgröße wirtschaftlich immer attraktiver. Die Rhein-Konvention zwischen den Anliegerstaaten resultiert ursächlich aus diesem Nutzungsanspruch.

Die Schiffbarkeit eines Flusses setzt möglichst ganzjährig ausreichende Wassertiefen voraus. Dies zu gewährleisten, führt zu Staubauwerken mit Schleusen. Auch hierbei entsteht wieder die Frage, ob ein Rhein-Rückbau vertretbar und gemäß den Anliegerinteressen überhaupt durchsetzbar ist. Die Antwort liegt auf der Hand. Ein Rückbau von Stauhaltungen und auch Nebenkanälen (Canal d’Alsace) ist auszuschließen. Das Verändernwollen von Staatsverträgen, die auch infolge von kriegerischen Auseinandersetzungen entstanden sind, ist wenig realistisch.

Der Rhein im Abschnitt Iffezheim bringt noch eine weitere Problematik mit sich. Das ist die Eintiefung der Flusssohle. Arbeitet man dieser nicht entgegen, wird sich der Rhein unterhalb Iffezheim merkbar eintiefen. Schiffe werden in wenigen Jahren dann nicht mehr bei der Bergauffahrt in die Schleuse Iffezheim ein- und ausfahren können. Weiterhin wird sich die Grundwassersituation negativ verändern. An die Versteppungs-Erscheinungen am Oberrhein (rheinabwärts von Basel) ist zu erinnern.

Das Eintiefungsverhalten des Rheines wird derzeit durch gezielte Zugabe von Gesteinen bestimmter Größe ausgeglichen. Das sind jährlich etwa 150.000 bis 200.000 Kubikmeter. Woher kommt das Gestein? Wie lange noch ist dieses Verfahren machbar, duldbar? Die flussabwärts dann zerriebenen Steine bilden Sandbänke, die möglicherweise die Schifffahrt stören. Der entstehende Kies ist für einen erneuten Einsatz unterhalb Iffezheim nicht verwendbar.

Das Problem läßt sich dauerhaft nur durch weitere Querbauwerke lösen. Hierbei wird das generelle Missgeschick offenkundig. Wird ein Gewässer einmal „anthropogen“ angepackt, gibt es je nach den geologischen Voraussetzungen gewaltige Folgeerscheinungen, die nur durch weitere Eingriffe „gelöst“ werden können. Durch Nichtstun und nur plakatives Fordern von „Rückbauten“, möglicherweise nur an einem Ort, sozusagen bürgerinitiativ, wird man dieser Sache nicht Herr.

Was könnte die Schiffahrt unter ökologischen Erfordernissen zur „Entlastung“ des Rheins beitragen? Wenigstens könnte man zwangsweise den Dieselkraftstoff durch Treibstoffe auf pflanzlicher Grundlage ersetzen (Methylester). Im Vergleich zu möglichen Tankerunfällen mit Mineralölstoffen wäre das natürlich marginal. Außerdem sollten, wenn zutreffend, die Schiffer natürlich unterlassen, den Rhein als bequeme Müllsenke zu benutzen.

Das Schleusen von Schiffen bringt einen Gewinn bezüglich des Transport-Energiebedarfs. Pro Stauhaltung können das etwa 20 bis 35 % sein, die für die entsprechende Bergfahrt notwendig wären. Das Erreichen einer geodätischen Flusshöhe bei einer Bergfahrt durch eine Schleuse wird den Schiffen energetisch quasi geschenkt.

Wasserkraft

Alle reden von der Vorteilhaftigkeit und dem Nachhaltigkeitsgebot durch die Nutzung erneuerbarer Energien. Man zieht dabei die Nutzung der Wasserkraft mit ein. Andererseits werden der Wasserkraftnutzung von der Genehmigungsseite quasi betriebstödliche Auflagen gemacht. Die Wasserrahmen-Richtlinie der Europäischen Union, seit Dezember 2000 in Kraft (Wasserhaushaltsgesetz in Deutschland), wird weitere Behinderungen bringen. Die Richtlinie spielt auch generell zur Thematik der Renaturierung der Gewässer, also zum Erreichen eines guten bis sehr guten ökologischen Zustandes der Gewässer, eine große Rolle.

Nun ist es aber so, dass der Bau von größeren Wasserkraftanlagen vielfach eine Folge zur Kompensation der menschlichen Eingriffe in Flussregimen ist. Wasserkraftanlagen als sog. Mehrzweckanlagen dienen dem Hochwasserschutz, der Schiffahrt, der Grundwasserhaltung, der Trinkwasserversorgung, der Auwalderhaltung, der Sicherung von Bauwerken vor Unterspülung (Brücken, Hafenanlagen, Straßen, Bahnlinien). Die Nutzung zur Elektrizitätserzeugung ist dann nahezu ein Beiwerk. Volkswirtschaftlich sind deshalb Stauanlagen mit Wasserkraftnutzung besonders effektiv. Das war so, mindestens bis zur Beendigung des sog. Monopolzustandes der Elektrizitätswirtschaft, mit den wesentlichen Kennzeichen des Gebietsschutzes bei der Stromversorgung und gepaart mit der Pflicht von Strom-Preisgenehmigungen (besonders für Tarifkunden) jeweils durch die Bundesländer. Das gilt ab 1999 nicht mehr. Somit entfällt die bequeme Möglichkeit, Stromversorgungsunternehmen in die Pflicht nehmen zu können. Auch die derzeitige Erzeugungskosten-/Strompreissituation macht diese Möglichkeiten nunmehr zunichte.

Auch wäre abzuwägen, ob man die Nützlichkeit der Wasserkraftanlagen in der Klimadiskussion nicht anerkennt. Aber auch akzeptiert, dass zumindest kleine Anlagen der übergeordneten ökologischen Zielsetzung wenig dienen. Zu nennen sind Untersuchungen im Auftrag des Bundesumweltamtes und u.a. der Erlass zum Neubauverbot von Anlagen bis ein Megawatt Leistung in Sachsen.

Hierzu ist Groß gegen Klein abzuwägen. Ist eine größere Anlage, die hunderte bis tausende Kleinanlagen substituieren kann und letztlich nur eine Standortproblematik, allerdings bei einem Mehrzweckcharakter, mit sich bringt, vertretbarer oder nicht? Wie ist mit dem Existenzanspruch der Kleinanlagenbetreiber umzugehen? Wie kann diese Ambivalenz von Nutzungsmöglichkeiten, Individual-Ansprüchen, ökologischen Anforderungen gelöst werden?

Gewässer-Ökologie

Kein Zweifel dürfte darüber bestehen, dass die industriellen Nutzungen des Rheins für die

  • Schifffahrt
  • Energiegewinnung (besser Energieumwandlung)
  • Kühlwasserversorgung für die Chemie-Industrie und die sog. Wärme-Kraftwerke,

mindestens für die beiden erstgenannten Nutzungen, Staubauwerke erfordern, die allerdings die Lebensbedingungen für die Gewässerflora und Gewässerfauna temporär beeinflussen können.

Das Herstellen der sog. Durchgängigkeit von Fliessgewässern ist prinzipiell durch Fischtreppen möglich. Die bisher außerordentlich positiven Ergebnisse der im Jahre 2000 in Betrieb genommenen Groß-Aufstiegsanlage an der Staustufe Iffezheim belegen die Nützlichkeit dieser Technik. Fischtreppen machen aber nur Sinn, wenn ein Gewässer an sämtlichen Querbauwerken und bei sorgfältiger Planung mit dieser Technik versehen ist. Es muss auch erwähnt werden, dass es für den „Fischabstieg“ noch keine wirksame und bei der Stromerzeugung wirtschaftlich vertretbare Technik gibt.

Also auch hierbei gilt, welches Oberziel ist realistisch erstrebenswert, dies bei Abwägung vieler Folgen sowie der Vor- und Nachteile bezüglich der Ergiebigkeiten/Verlässlichkeiten anderer Stromerzeugungsarten.

Fischerei und Landwirtschaft

In der Vergangenheit war die Fischerei und Angelei eine Überlebensnotwendigkeit für viele Menschen. Aus dieser Gegebenheit resultiert das Anspruchsdenken der dort Tätigen, welches gegenwärtig zum Teil mit erheblichem Egoismus vertreten wird. Den Wasserkraftnutzern wird vorgehalten, die Fischpopulation zu beeinträchtigen. Gleichwohl ist es hochwillkommen, die Betreiber von Wasserkraftanlagen zu Ausgleichszahlungen heranziehen zu können, um bei der Realisierung einer Stauhaltung, dann über einen „eigenen Fischteich“ verfügen zu können. Es entwickelt sich dazu meist regelmäßig ein Neid gegenüber dem Unterlieger – dieser könnte ja von abwandernden Fischen profitieren.

Bei der Angelei, die sicherlich nicht mehr zur elementaren Ernährungsnotwendigkeit herhalten muss, ist vergleichbares Verhalten festzustellen.

Man muss sich deren Aktivitäten vergegenwärtigen. Der Name „Sportangelverein XY“ bedeutet doch, dass aus sportlichen (!?) Gründen Fische gefangen/gequält werden. Besonders von Übel sind Berichte über das Drillen von Raubfischen: Der Angler U hat mit der Schnur V, dem Haken W, dem Blinker X, in zwanzigminütigem Kampf den Hecht mit dem Kilogewicht Y zur Strecke gebracht. Ist dieses Verhalten von der Gesellschaft zu goutieren? Und wieder ergibt sich die Frage: Welche Anspruchswertigkeit bezüglich der Gewässernutzung ist vertretbar?

Der Fischbesatz könnte im Vergleich zur Jagd charakterisiert werden: Die Jäger setzen im Frühjahr 100.000de Karnickel in Feld und Flur, um diese im Herbst abschießen zu können. Ein Aufschrei der Medien würde in diesem Falle entstehen.Die Landwirtschaft beansprucht in großem Maße ehemalige mehr oder weniger regelmäßige Überflutungsgebiete. Sie trägt durch Düngen (Überdüngung) letztlich zu einer Beeinträchtigung der Gewässer bei. Wo und wie soll die Gesellschaft diesbezüglich Grenzen setzen?Wenig glaubwürdig ist die Darstellung, dass die Landwirtschaft naturschützend tätig sei. Der Landwirt holt verständlicherweise aus einem Quadratmeter Boden den optimalen, besser den maximalen Ertrag heraus, ohne zu prüfen oder abzuwägen, was dem Boden langfristig gut tut. Der Haushalt der Europäischen Union ist zur Hälfte der Landwirtschaft gewidmet. Die deutsche Landwirtschaft erhält jährlich Unterstützungen von etwa 15 Milliarden Euro. Ist das dauerhaft sinnvoll, tragbar?

Rhein als Mülltransporteur

Jedermann sei empfohlen, einmal an einem Wehr oder Wasserkraftwerk das anlandende sog. Geschwemmsel/Rechengut (besser Rechenungut) in Augenschein zu nehmen. Leicht erkennbar ist der Widerspruch zwischen dem immer zu erwartenden „Ja“ bei der Frage zur persönlichen Einstellung zum Umweltschutz und dem realen Verhalten dieses „homo sapiens“.

Wie bekommt man die Rhein-Anlieger dazu, die Gewässer nicht als Müllhalde zu benutzen? Ist der Ausgangspunkt für eine „Umwelterziehung“ die Schule? Welche Maßnahmen können ergriffen werden, um mehr Bedenklichkeit und Rücksichtnahme auf die Gewässer zu bewirken?

Wäre nicht auch ein Termin gesetztes Ziel zwischen den Staaten zu erzwingen, den Eintrag von Salzfrachten aus den dies verursachenden Industrien (Kalibergbau, der auch Arbeitsplätze bietet) zu unterbinden?

Zusammengefasst

Eine Verbesserung des Rheins einschließlich seiner Nebengewässer als Naturereignis erscheint aus den dargelegten Nutzungsansprüchen und geradezu brutalen Gegebenheiten nur in hunderten kleinen Schritten möglich. Was aber voraussetzt, über eine Gesamtstrategie zu verfügen, die mit Generationen übergreifenden langen Atem anzugehen ist. Wo sind die Akteure, die dies mit ruhiger Hand angehen und glaubhaft Maßnahmen vertreten und realisieren können?

Zusätzliche Informationen

Zeitschrift „ew“ (Elektrizitätswirtschaft):
Stromgewinnung aus regenerativer Wasserkraft in Deutschland (pdf, rd. 1 MB)

Überblick (Heft 25-26/2007)
Potenzialanalyse (Heft 1-2/2008)“,
Verfasser Wagner und Rindelhardt.
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